Gesetzliche Krankenkassen gefährden wohnortnahe ambulante medizinische Versorgung

09. 10. 12
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Hessenmed: „Haltung der Kassen zeugt von Geringschätzung“

  • 0,9 % Honorarerhöhung bedeuten angesichts der Inflationsrate Minusrunde
  • steigende Arbeitsbelastung durch Bürokratie der Krankenkassen
  • bundesweit Protestaktionen am Mittwoch, 10.Oktober

FULDA, 8.10.2012. Viele Ärzteverbände rüsten sich für ein mögliches Scheitern der Gespräche zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband. Wie der Verbund hessischer Ärztenetze, Hessenmed e. V., mitteilt haben mehr als 30 ärztliche Berufsverbände und Organisationen zu einem bundesweiten Aktionstag am Mittwoch, 10. Oktober 2012, aufgerufen. „Auch viele Hessenmed-Mitglieder werden sich an dem Aktionstag und an vielfältigen anderen Protestaktionen beteiligen“, so der Vorsitzende des Hessenmed-Vorstands, Dr. Jörg Simon (Fulda). Angesichts der Blockadehaltung der Krankenkassen sei nicht davon auszugehen, dass bei den Gesprächen im Erweiterten Bewertungsausschuss in Berlin am morgigen Dienstag ein akzeptables Ergebnis erzielt werde.

Honorarbeschluss berücksichtigt nicht die gestiegenen Praxiskosten
Die Mehrheit der rund 2.000 bei Hessenmed organisierten Ärzte hatte sich bereits Mitte September für vorübergehende Praxisschließungen ausgesprochen, sollten die Honorarverhandlungen scheitern. Zuvor waren die Ärzte im sogenannten Erweiterten Bewertungsausschuss, in dem neben KBV- und Kassenvertretern auch Unabhängige sitzen, überstimmt worden. Die KBV hatte für die rund 150.000 Kassenärzte und Psychotherapeuten 11 % Honorarerhöhung gefordert, die Kassen stimmten indes nur einer Anhebung von 0,9 Prozent zu. „Angesicht der Inflationsrate ist das keine Honorarerhöhung sondern bedeutet einen Einkommensverlust: Der Beschluss berücksichtigt in keiner Weise, dass die Praxiskosten seit der letzten Vereinbarung im Jahr 2008 drastisch gestiegen sind“, so Dr. Simon. Die große Wut der Ärzte resultiere auch aus dem Gebaren der Krankenkassen ihrem Berufsstand gegenüber, erklärt Dr. Simon: „Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht eine Studie im Auftrag der Krankenkassen zu belegen versucht, dass Ärzte wahlweise korrupt und geldgierig seien oder schlampig arbeiten“, so der Diabetologe.

„Es geht um den Erhalt der wohnortnahen ambulanten medizinischen Versorgung“
„Wir wollen den Honorarstreit nicht auf dem Rücken der Patienten austragen“, betont Dr. Lothar Born, Internist in Marburg und Mitglied im Hessenmed-Vorstand. Doch bei den Protesten gehe es letztlich um den Erhalt der wohnortnahen ambulanten medizinischen Versorgung der Patienten durch niedergelassene Ärzte – und damit um eine tragende Säule des Gesundheitssystems. Auch gehe es um die freie Arztwahl: „Die aktuelle Honorarpolitik der gesetzlichen Krankenkassen kann für viele niedergelassene Haus- und Fachärzte bedeuten, dass sie die ansteigenden Kosten für den Betrieb ihrer Praxen nicht mehr decken können. Wenn deshalb Praxen schließen müssen, bedeutet dies, dass Patienten mittelfristig eine medizinische Versorgung nur noch in Polikliniken und Klinikambulanzen erhalten – wohnortfern und mit anonymen, wechselnden, angestellten Ärzten“, so Hessenmed-Vorstand Dr. Stefan Pollmächer, Allgemeinmediziner und Psychotherapeut in Kassel.

„Kassenbürokratie verschlingt Zeit für Patienten“
Darüber hinaus kritisiert Hessenmed den hohen und oft überflüssigen Bürokratieaufwand, den die Krankenkassen verursachen: „Die Zeit, die für Formalitäten mit den Krankenkassen benötigt wird, fehlt zunehmend bei der Versorgung der Patienten“, so Hessenmed-Vorstandsmitglied Dr. Uwe Popert, Allgemeinmediziner in Kassel. Zu Recht hätten viele Berufsverbände und auch die KBV für die kommenden Wochen zu einem Boykott bürokratischer Aufgaben aufgerufen. „Viele Praxen werden formlose Anfragen nicht mehr schriftlich beantworten, in denen sich die Kassen etwa nach Reha-Maßnahmen oder Krankschreibungen erkundigen. Andere werden die Kassen auffordern, ihre Anfragen und Gesprächswünsche auf die Zeit vor acht Uhr morgens oder nach 20 Uhr abends zu beschränken, da sie die übrige Zeit des Tages für die Versorgung ihrer Patienten nutzen wollten“, so Dr. Popert. Ein weiteres Beispiel für von den Kassen verursachte Bürokratie sei die so genannte Praxisgebühr, eine Zuzahlung in Höhe von 10 Euro, die Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland seit 2004 bei Arzt- oder Psychotherapeutenbesuchen einmal im Quartal entrichten müssen. „Die Gebühr kommt den Krankenkassen zugute, deshalb ist die Bezeichnung Praxisgebühr irreführend“, so Dr. Popert, „die Praxen müssen diese Gebühr für die Kassen einziehen – und das zum Nulltarif“.

Über Hessenmed e.V.:
Im Februar 2009 gegründet vertritt Hessenmed e. V. gemeinsame Interessen lokaler und regionaler Ärztenetze in Hessen. Ziel des Verbandes, dem landesweit 22 Netze mit rund 2.000 Mitgliedern angehören, ist es unter anderem, die regionale Patientenversorgung zu verbessern. So engagiert sich Hessenmed für den Erhalt der wohnortnahen ambulanten medizinischen Versorgung. Weitere Informationen: www.hessenmed.de

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